Das Leben ist wie ein runder Geburtstag: … Keine Ahnung warum, aber ist bestimmt so
„Neeeeiiiin, ich will noch nicht sterben!“
Drei Uhr morgens, schweißgebadet schrecke ich aus dem Schlaf, meinen eigenen Schrei noch in den Ohren. Mein Herz hämmert wie ein Presslufthammer. Das Echo des Alptraums von eben dröhnt noch durchs Schlafzimmer, ich sehe ihn immer noch vor mir:
Den riesigen Asteroiden, der mit Lichtgeschwindigkeit auf mich zurast, mich am Boden zu zerschmettern droht. Je näher er kommt, desto klarer erkenne ich seine wahre Gestalt, in Form einer überdimensionalen 30 …
Gut, das ist vielleicht ETWAS übertrieben, auch wenn dieser – zugegebenermaßen erfundene – Traum verdeutlicht, wie ich mich kurz vor dem dritten runden Geburtstag meines Lebens fühle.
Doch widmen wir uns zunächst einem viel freudigerem Jubiläum: Heute feiern wir die 52. Ausgabe, und damit ein Jahr Gossip Rück, woohoooo!! ![]()
Ich danke euch allen von ganzem Herzen für eure Lesertreue in den vergangenen zwölf Monaten, euer Lob, eure Kritik und Kommentare, die mich immer wieder animiert haben, weiterzuschreiben. Wärt ihr jetzt alle hier, würde ich jeden Einzelnen von euch umarmen und knutschen, also seid froh, wenn ihr euch grad woanders rumtreibt! ![]()
Allerdings bedeutet das auch, ihr bekommt gerade kein Stück vom Geburtstagskuchen, den ich selbstverständlich gebacken habe … Wenn ihr wisst, wo mein Haus wohnt und mit den Konsequenzen eures Erscheinens leben könnt, teile ich aber natürlich gern.
Während Gossip Rück schon heute Geburtstag feiert, bleiben mir noch genau drei Wochen und zwei Tage bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem mein Wiegenfest sich zum dreißigsten Mal jährt. Nicht mehr 29, auch nicht 29a oder 29,99 plus Mehrwertsteuer, sondern schlicht und hart 30, da mache ich mir nichts vor.
Bedeutende Geburtstage gab es auch vorher schon in unser aller Leben. Den dritten zum Beispiel, als wir alt genug waren für den Kindergarten. Mit dem sechsten Geburtstag begann unsere Geschäftsfähigkeit, dicht gefolgt von der Schulzeit. Zehn, das bedeutete die erste Null, schon etwas Besonderes. Mit zwölf, erinnere ich mich noch, durfte ich endlich im Auto vorne sitzen und mit sechzehn offiziell den ersten Alkohol durch die Supermarktkasse schleusen. Der wichtigste Jahrestag kam natürlich mit achtzehn, ENDLICH volljährig! Eigene Entscheidungen treffen, offiziell erwachsen sein. Und noch viel erwachsener mit zwanzig, zumal wir dann in der Regel die Schulzeit hinter uns gelassen hatten.
Alles großartige Meilensteine im Leben, die uns stolz gemacht haben.
Aber was macht die 30 schon Tolles? Wie eine böse Vorahnung schwebt sie im Raum und lauert auf den B-Day, den Tag, an dem sie zuschlagen wird. Auch wenn am Ende vermutlich alles halb so schlimm wird (schließlich haben bisher alle mir bekannten Überdreißigjährigen diesen Tag überlebt), läuft mir jetzt ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke.
Aber was genau flößt vielen von uns an der 30 so viel Angst ein?
Zumindest für mich klingt alles unter diesem Alter noch so jung, als wäre einfach noch alles möglich, das Leben voller Optionen, denn es bleibt uns ja noch sooo viel Zeit.
Haben wir die Grenze jedoch erst einmal überschritten, ist es, als würden die Perspektiven sich über Nacht völlig verschieben. Dreißig klingt einfach, als müssten wir plötzlich unglaublich reif sein. Und das, obwohl meine geistige Reife sich seit meinem achtzehnten Geburtstag gefühlt jeder Weiterentwicklung verweigert hat. Außerdem klingt es auch so nach Familie!
Zumindest für uns Frauen beginnt die biologische Uhr zu ticken, die es irgendwie schafft, einen selbst dann unter Druck zu setzen, wenn man (frau) nicht mal einen unbedingten Kinderwunsch hegt! Die eigene Familie lässt einen das gern spüren. So wie meine Oma neulich: „Jetzt wirst du schon bald 30, und gerade kein Mann in Sicht?“
„Na und, Oma?“
„Naja …“
Glaubt mir, am schlimmsten war dieses „Naja …“, denn es wog schwerer als eine hundertseitige Anklageschrift.
Von solchen Szenen abgesehen, geben sie dir in der Drogerie plötzlich Proben für Antifaltencreme mit. Das Schlimme: Du wirst sie sehr bald brauchen!
Immerhin musst du auf Ü30 Partys keinen Eintritt mehr bezahlen, irgendwas Gutes muss das ganze ja haben. Außerdem ist 30 ja angeblich das neue zwanzig, wie uns vor zehn Jahren (als ich noch zwanzig war und die Darsteller schrecklich alt) schon „Sex and the City“ suggerieren wollte.
Vielleicht steckt ein Funken Wahrheit darin, das gefühlte Alter der Bevölkerung sinkt immer weiter. Dennoch sind die Zeichen der Zeit unverkennbar!
Letzte Woche haben wir im Kino beim „American Pie – Klassentreffen“ (Prädikat: extrem empfehlenswert!) nicht nur mit Jim, Stiffler, Heimscheißer und natürlich Stiffler’s Mum in ihren Highschool-Erinnerungen geschwelgt, sondern auch in denen an unsere eigene Oberstufenzeit. Und genau wie die Hauptfiguren haben auch wir uns gefragt:
„Verdammt, ist das wirklich schon so lange her?!“
Die Generation American Pie, das waren auch wir. Inzwischen werden wir von achtzehnjährigen Kids wie uns damals gesiezt. Autsch.
„Lächerlich“ würde meine Oma derartige Sorgen sicherlich finden. Sie hat am letzten Mittwoch ihren 85. Geburtstag gefeiert, da hat man schon ganz andere Probleme.
Tante Helga zum Beispiel. Die verputzt jedes Mal mindestens einen dreiviertel Kuchen allein und stellt eine unterhaltungstechnische Herausforderung dar.
Meine Mutter: „Tante Helga, wenn du mit dem Hörgerät eh nix hörst, dann nimm es doch raus!“
Tante Helga: „Waaaas??“
Meine Mutter: „Das HÖRGERÄT sollst du RAUSNEHMEN!“
Tante Helga (zu meiner Oma): „Sag mal, hast du verstanden, was sie nicht versteht?“
Von diesem Stadium sind wir zum Glück noch eine ganze Zeit entfernt. Bis es soweit ist, sind wir unter Umständen schon diversen hierzulande üblichen Geburtstagsbräuchen zum Opfer gefallen. Ist euch klar, dass wir, im Vergleich mit anderen Ländern, in Deutschland die mit Abstand merkwürdigsten und fiesesten Geburtstagstraditionen pflegen?
In Dänemark wird lediglich eine harmlose Flagge ins Fenster gehängt, Engländer backen Münzen, Fingerhüte und Süßigkeiten in den Kuchen ein, und in Mexiko bekommen Kinder eine mit Süßem gefüllte Piñata geschenkt.
Wir Deutschen dagegen bestrafen uns gegenseitig in regelmäßigen Abständen für das Fehlen eines Eherings an unserem Finger. So gibt’s am 25. Geburtstag einen Sockenkranz (hmmm, lecker) für Männer, einen Schachtelkranz für uns Frauen.
Zum 30. müssen die Herren in möglichst peinlichem Aufzug (zum Beispiel als Flugzeug verkleidet, bisher das beste mir bekannte Kostüm) die Rathaustreppe fegen, bis sich im Idealfall eine Jungfrau erbarmt und sie freiküsst. Derweil üben sich die Damen im Klinken putzen. Nur ob in diesem Fall auch eine männliche Jungfrau benötigt wird, konnte ich bisher nicht sicher herausfinden, ich befürchte jedoch, ich werde um den Praxisversuch nicht völlig herumkommen.
Noch hoffe ich allerdings auf eine Alternativaktion, die bringen ohnehin allen Beteiligten mehr Spaß. Wie bei einer Freundin, die so überzeugend auf männliche Campingurlauber eingeredet hat, bis die sich voller Begeisterung freiwillig von ihr in einen indischen Sari wickeln ließen (ich grinse übrigens gerade bei der Erinnerung).
Nur bis zum 40. sollte die Mission Trauschein möglichst erledigt sein, denn wer hat schon Lust, rückwärts auf einem Esel sitzend durch Hannover geführt zu werden? Andererseits, wo kann man heute noch einen Esel mieten …
Aber langsam, erstmal will das erste runde Katastrophenjubiläum geschafft werden. Nur wehe, du willst das auch noch groß feiern!
Vor eineinhalb Wochen in einem zentral gelegenen Jugendzentrum in Hannover. Perfekte Lage, schöne Umgebung, guter Preis. Voller Optimismus gingen wir zu zweit, denn ein gemeinsam gefeierter Dreißigster ist halbes Leid und doppelter Spaß, zur Raumbesichtigung. Lange konnte das ja nicht dauern, einmal durch die paar Räume, noch mal über den Termin und enthaltene Leistungen sprechen und dann endlich Wochenende und Mädelsabend einläuten. Schließlich war der Akku Freitag abends auch schon ziemlich leer.
Das Erscheinungsbild des Mitarbeiters, der uns begrüßte, schrie schon von weitem „Sozialpädagoge!“, doch das machte mich noch nicht übermäßig misstrauisch.
Erst als wir eineinhalb Stunden später mit einer Festplatte im Kopf, die nur noch „Error!“ zurückmeldete, wieder unseres Weges schlichen, wusste ich, ich hätte Angst haben sollen.
„Das Fenster hier drin geht nur einen Spalt breit auf, was aber nichts macht, weil hier alles gut isoliert ist. Das ist auch besser so, denn die Leute gegenüber sind sehr lärmempfindlich und rufen gern schnell die Polizei. Die ruft ihr dann besser auch, wenn sich Leute aus dem Biergarten nebenan einschleichen und versuchen, das Büro aufzubrechen. Und bei den Klos müsst ihr aufpassen, denn da wurzelt gern mal ein Baum in die Abflussrohre, und dann verstopft das alles …“
Unglaublich, was in einem Jugendzentrum – auch ganz ohne Zutun der Jugendlichen – passieren kann! Irgendwann vor der Renovierung, ja da wäre auch fast mal der Giebel eingestürzt.
„Macht nix“, sagt meine Freundin, „Mein Bruder ist Maurermeister.“
Ihr anderer Bruder ist praktischerweise Polizist. Das hört der Zentrumsmitarbeiter sehr gern, zumal wir mit knapp 30 ja noch zu einer Risikogruppe gehören und gern mal was beschädigen. Hm, ich fühl mich gar nicht wie eine Risikogruppe, aber wenn er das sagt …
Außerdem haben wir gelernt, es sei absolut fahrlässig, ja quasi Brandstiftung, wenn wir einen Grill nicht mindestens drei Meter vom Haus entfernt aufstellen, und überhaupt, für die Musikanlage sollte am besten jemand dabei sein, der ein Ingenieursdiplom gemacht hat …
Am Ende haben wir uns gar nicht mehr getraut, irgendwas anzufassen oder anzusprechen. Nicht, dass durch bloße Erwähnung noch der Erdboden das ganze Haus verschluckt hätte oder so.
Vom Problem der Terminfindung wollen wir gar nicht erst reden.
Unser Mädelsabend begann mit Aspirin und Cola light.
All das führt mich zu einer ganz neuen Theorie: Vielleicht ist es gar nicht das Alter an sich, vor dem sich so viele fürchten, sondern dieses ganze Fegen, Klinken putzen, Organisieren etc.! Schon allein beim Gedanken daran vergeht mir jede Lust, das nächste Jahrzehnt meines Lebens anzutreten.
Doch jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, deshalb gestalte ich mir diesen Schicksalstag in meiner Lieblingsstadt London so angenehm wie möglich. Unter Freunden, die mich, wenn die Stunde schlägt, seelisch auffangen und hoffentlich nicht mit dem Reinigen viktorianischer Türgriffe foltern.
So beginnt sowohl für mich als auch für Gossip Rück ein neuer Lebensabschnitt. Und da Leben Veränderung bedeutet, wird es auch bei Gossip Rück und mir Neuerungen geben:
Im letzten Jahr ist Schreiben für mich ein immer größerer Lebensinhalt geworden, in meinem Kopf warten mindestens drei Romane und andere Projekte auf ihre „Papierwerdung“.
Aus diesem Grund, aber auch, weil ich die (in euren Augen hoffentlich noch gute) Qualität von Gossip Rück beibehalten möchte, erscheint die nächste Ausgabe dieses Blogs am 28. Mai, und von diesem Zeitpunkt an zu jedem letzten Montag im Monat. Also noch mehr Zeit, sich auf den nächsten Lesestoff zu freuen
So, da das heutige Jubiläum auch noch mit Tanz in dem Mai zusammenfällt, wird jetzt hier Kuchen gegessen, Sekt getrunken und später getanzt, solange die Redaktion noch jung ist! Aber auch danach gilt: Solange ich mit der Supermarktkassiererin in Neuseeland beim Alkoholerwerb noch über mein Alter diskutieren muss, ist die Welt in Ordnung
xoxo und Prost!
P.s.: Die Kommentar Funktion scheint momentan etwas defekt zu sein, deshalb Kommentare, Anregungen etc. gerne per Email an gossiprueck@gmx.de



